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Eine KI = Keine Ahnung

08.05.2026
Obwohl der KI-Hype jetzt schon einige Jahre wütet, schüttelt es mich immer noch, wenn ich eine KI höre oder lese. Es geht hier aber nicht um meine Empfindsamkeit, sondern darum wie Sprache zum Marketinginstrument wird.
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Bei eine Mathematik, ein Maschinenbau oder eine Psychologie wird es in den meisten zucken, deren Muttersprache Deutsch ist. Bei wissenschaftlichen Disziplinen mag es innerhalb der Felder verschiedene Meinungen und Herangehensweisen geben, aber nach außen hin sind es Unikate: die Mathematik, der Maschinenbau oder die Psychologie. Meine wissenschaftliche Disziplin ist die Künstliche Intelligenz. Nur muss ich mir in letzter Zeit gefallen lassen, dass mein Fach zu einer Künstlichen Intelligenz degradiert wird.

Nun ja, mein Fach wird damit auch gar nicht bezeichnet, sondern eine bestimmte Art von Computerprogrammen. Aber wozu muss der Name meines Fachgebietes dazu herhalten? Ein Taschenrechnerprogramm wird ja auch nicht als eine Mathematik bezeichnet. Eine Buchhaltungssoftware (nicht eine BWL) dient der Vereinfachung von Buchhaltungsaufgaben, mit einem E-Mail-Programm kann man E-Mails lesen und ein Warenwirtschaftssystem (nicht eine Logistik) hilft dabei Waren logistisch zu verwalten.

Bei den Programmen, die als eine KI bezeichnet werden, ist die Funktionalität auch klar: sie generieren Text. Nur würde niemand diese Programme nutzen, wenn man zugeben müsste, dass man ein Ergebnis abliefert, das mein Textgenerator ausgegeben hat. Marketingträchtig umformuliert in die KI hat gesagt, wirkt man vielleicht immer noch faul, aber immerhin clever faul.

Die Bezeichnung eine KI impliziert (und beinhaltet wörtlich) Intelligenz und damit eine Gleichwertigkeit mit menschlicher Arbeit. Und erweitert sprachlich den Programmumfang von Textgenerierung zu alles was Menschen können.

Nun können Menschen eine ganze Menge: den Müll rausbringen, Hunde füttern, Windeln wechseln, andere Menschen als solche erkennen und grüßen, Straßenschilder lesen, eine klemmende Tür aufruckeln, Schrauben in Gewinde drehen, Schrauben so in Gewinde drehen, dass am Ende ein Schrank herauskommt, mit Einkaufswägen durch Supermärkte navigieren, Briefe in Briefkästen werfen, und noch eine ganze Menge anderer Dinge. Die meisten dieser Tätigkeiten haben etwas mit unserer physischen Umgebung zu tun: andere Menschen, Haustiere, Straßen, Gebäude, Objekte. All diese Tätigkeiten kann ein Computerprogramm ganz prinzipiell nicht ausführen, weil es keine Möglichkeit hat sich zu bewegen, die Welt außerhalb des Computers wahrzunehmen oder Dinge physisch zu verändern.

Bitte keine Diskussionen à la bald gibt es auch KIs als Roboter!

Reden wir über eigentliche Intelligenz, sowas wie Mathematik oder Klugdaherreden. Gerade letzteres sollte doch mit einem Textgenerator machbar sein. Daherreden funktioniert offenbar ganz gut, aber klug? Als Menschen denken wir nicht jeden Tag darüber nach, dass die Dinge, die wir sagen oder schreiben oder hören nur deshalb Sinn ergeben, weil wir sie mit Gegebenheiten in unserer physichen Umgebung in Verbindung bringen. Der Zug ist pünktlich ist eine vollkommen bedeutungslose Zeichenfolge, wenn man nicht weiß, dass ein Zug ein Fortbewegungsmittel ist, das nach einem bestimmten Fahrplan fährt und dass Reisende die implizite Erwartung haben, dass dieser Fahrplan eingehalten wird. Die Frage nach Pünktlichkeit ist quasi eine Aussage darüber, ob die Erwartung, dass der Zug nach Fahrplan abfährt oder ankommt, erfüllt oder enttäuscht wird. Die Pünktlichkeit eines Zuges kann weitere Auswirkungen haben, zum Beispiel dass die Person, die mich abholt, im Parkverbot steht, was wiederum bedeuten kann, dass sie dafür Strafe zahlen muss oder den Weg für andere versperrt, vielleicht für die Lokführerin eines Zuges, der dann wiederum zu spät abfahren wird.

Auch wenn wir Dinge elektronisch erledigen, haben sie immer Auswirkungen im echten Leben. Deshalb sind die Anwendungsfälle für reines Textgenerieren extrem eingeschränkt. Schon Josef Weizenbaum hatte sich überlegt worüber soll ich denn nun mit dem Computer reden? bevor er sein berühmtes Eliza-Programm geschrieben hat, das wie heutige Textgeneratoren aus einer Nutzereingabe neuen Text generiert hat, der von Menschen so interpretiert werden kann als würde der Computer etwas verstehen oder nützliche Hinweise geben. Das mag in einigen wenigen Situationen hilfreich sein, aber macht den Computer nicht intelligent.

Der Begriff eine KI ist ein Platzhalter für wir wissen nicht genau was wir wollen, aber wir wünschen uns dass wir es nicht selbst machen müssen. Und an diesem Wunschdenken ist das Fachgebiet Künstliche Intelligenz nicht ganz unschuldig. Dieser unglückliche Begriff entstand 1956 um den Begriff Kybernetik zu vermeiden [1]. Die Kybernetik war in etwa das, was man in den letzten Jahrzehnten als Kognitionswissenschaft wiederentdeckt hat: eine Mischung aus Verständnis menschlicher Aktivität (Psychologie, Neurobiologie, Linguistik) und der Steuerung technischer Geräte (Regelungstechnik, Informatik, Mechatronik). Schon von Anfang an gab es verschiedene Strömungen: die einen wollten Intelligenz wissenschaftlich verstehen, andere wollten interessante Anwendungen bauen.

Die Verbindung zwischen menschlicher Intelligenz und ihrer Nutzung für technische Anwendungen ist jedoch schnell verloren gegangen und zurück blieb ein Fachgebiet, das sich von verwandten Fachgebieten wie Informatik oder Regelungstechnik vor allem durch gutes Marketing ausgezeichnet hat. Was in der Informatik als Datenstrukturen bekannt ist, heißt in der künstlichen Intelligenz Wissensrepräsentation. Optimale Steuerung in der Regelungstechnik heißt in der KI verstärkendes Lernen (Reinforcement Learning) und ein neuronales Netz ist mathematisch schlichtweg eine Funktion einer bestimmten Struktur mit vielen Parametern. Dieses Phänomen wurde schon 1976 von MacDermott beschrieben [2] und ist spätestens in den letzten beiden Jahrzehnten vollkommen aus dem Ruder gelaufen.

Dabei sind die wissenschaftlichen Fragestellungen dieses Faches so spannend! Was bedeutet überhaupt Intelligenz? Was passiert in unserem Gehirn, wenn wir eine Tür aufmachen? Wie kann es sein, dass Sprache einerseits zielgerichtet Informationen weitergibt und andererseits extreme Missverständnisse erzeugen kann? Wie können wir Software so gestalten, dass sie Menschen dabei hilft Aufgaben im echten Leben besser zu bewältigen, ohne dabei allzu starre Prozesse zu erzwingen? Wie können wir Entscheidungsprozesse nachvollziehbar gestalten?

Wenn mich Leute nach meinem Fachgebiet fragen, würde ich gern eine Antwort geben können, die ich nicht mit aber nicht das, was du dazu in der Zeitung liest qualifizieren müsste. Deshalb hier mein persönlicher 3-Punkte-Plan um das Sprachmarketing um Künstliche Intelligenz zu beenden:

  1. Den Begriff Künstliche Intelligenz und alle seine fachlichen Marketingbegriffe (wie Lernen, Planen, Schlussfolgern, Wissensrepräsentation) abschaffen.
  2. Innerhalb des Gebietes die wissenschaftlichen Fragestellungen von den Ingenieursdisziplinen trennen. Die urspüngliche Idee, dass Einsichten über menschliche Intelligenz für die Entwicklung technischer Systeme relevant sein könnte, hat sich als Fehleinschätzung herausgestellt. Und sofern die Wissenschaft soweit funktionieren würde (ein weiterer Traum von mir …), dass sie ihre Ergebnisse nicht verschnörkelt, sondern nach außen verständlich kommuniziert, könnten sich die Ingenieursdisziplinen auch weiterhin davon inspirieren lassen.
  3. "Eine KI" als Bezeichnung für Computerprogramme unter Strafe stellen.
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