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Faszination Intelligenz: Bewusstsein

05.09.2025
Es ist schon schwierig genug, den Begriff Intelligenz zu definieren. Noch schlimmer wird es, wenn man über Bewusstsein spricht. Intuitiv hängen Bewusstsein und Intelligenz irgendwie zusammen. Kann es Intelligenz ohne Bewusstsein geben, Bewusstsein ohne Intelligenz? In jedem Fall lohnt es sich, sich mit Versuchen zur wissenschaftlichen Erforschung von Bewusstsein auseinander zu setzen und daraus Impulse zum Thema Intelligenz zu gewinnen. Und wenn die Wissenschaft versagt, kann man immer noch Spaß daran haben ein persönliches Verständnis für Bewusstsein zu entwickeln.

Bei Phänomenen, die mit Intelligenz zu tun haben, kommen wir immer wieder auf dieselben Stolpersteine: alles hängt irgendwie mit allem zusammen und wir verstehen zu wenig um überhaupt klare wissenschaftliche Fragen formulieren zu können. Aus diesen Stolpersteinen werden Felsbrocken, wenn man sich das Thema Bewusstsein ansieht.

Was meinen wir eigentlich mit Bewusstsein? Aus einer Menge unterschiedlicher Definitionen scheint der gemeinsame Nenner die Aussage zu sein what it is like to be [IIT Wiki: Consciousness], also wie es sich anfühlt zu existieren. Dabei wird zum Beispiel das Erleben von Wahrnehmungen, Gedanken und Emotionen als Bewusstsein betrachtet. Verwandte Begrifflichkeiten sind (freier) Wille, agency (in etwa als ``selbstbestimmtes Handeln'' übersetzbar), Autonomie, Theory of Mind (Theorie des Mentalen) oder das Mind-Body-Problem, also der Zusammenhang zwischen Körper und Geist. Und daraus ergeben sich wiederumg weitere schwer fassbare Phänomene wie Autonomie oder Theory of Mind (Theorie des Mentalen).

Es geht also schon damit los, dass wir nicht genau wissen, wovon wir sprechen. Andererseits hat jeder Mensch eine Intuition dafür, was Bewusstsein ist. Wir sind bewusste Lebewesen. Wir empfinden Bewusstsein jeden Tag (und das bewusst oder unbewusst). Eine derart zentrale Erfahrung einfach als undefinierbar und damit unwissenschaftlich abzutun, läuft unserem menschlichen Bedürfnis zuwider, uns selbst und unsere Umgebung verstehen zu wollen.

Und selbst wenn man den Begriff nicht genau fassen kann, gibt es trotzdem interessante Forschungsfragen. Wieviel der individuellen Bewusstseinsempfindung liegt in unserer Spezies, wieviel ist individuell? Kann es Intelligenz ohne Bewusstsein geben oder Bewusstsein ohne Intelligenz? Wie entsteht die individuelle Erfahrung von Bewusstsein? Kann man diese manipulieren, beispielsweise um psychische Erkrankungen zu behandeln?

Die Erforschung von Bewusstsein liegt außerhalb meines Fachgebietes. Deshalb sind die genannten wissenschaftlichen Gebiete kein vollständiger Abriss der betriebenen Forschung. Es geht nur darum einen Einblick in dieses spannende Feld zu geben und ein wenig über ein schwer zu fassendes Phänomen zu spekulieren.

Bewusstsein und Intelligenz

Für mich ist vor allem die Frage interessant, wie Bewusstsein und Intelligenz zusammenhängen. Als Menschen haben wir das Empfinden, dass wir beides besitzen. Kann es also sein, dass beides zentrale menschliche Eigenschaften sind? Vielleicht sogar dasselbe Phänomen?

Bewusstsein als Voraussetzung von Intelligenz?

Philosophische Argumente gegen die Möglichkeit Intelligenz in Computern nachzustellen, argumentieren oft mit einer Abwesenheit von Bewusstsein. Beispielsweise das berühmte Gedankenexperiment des chinesischen Zimmers von John Searle von 1980. Man stelle sich einen geschlossen Raum vor, darin ein Mensch, der kein Chinesich spricht, mit einem umfangreichen chinesischen Wörter- und Grammatikbuch, das exakte Regeln vorgibt, wie man chinesische Sätze zusammensetzt und Wörter vom Englischen ins Chinesische überträgt. Wenn man diesem Menschen einen chinesischen Text in den Raum reicht, er exakt die Regeln aus den Wörter- und Grammatikbüchern anwendet und das übersetzte Dokument hinausreicht, könnten Beobachter von außen davon ausgehen, dass der Mensch in dem Raum Englisch und Chinesisch spricht und den Text verstanden hat.

Ersetzt man nun den Menschen im Raum mit einem Computer und die Wörterbücher mit einer Datenbank und programmierten Regeln, so könnte ein Computer den Eindruck erwecken, Sprache zu verstehen, obwohl er nur stumpfsinnig Zeichen aneinanderreiht. Und das würde Searle nicht als Intelligenz gelten lassen.

Dieses Argument ist aktuell wieder sehr interessant. Wenn ChatGPT oder andere Large Language Models Text erzeugen, reihen sie tatsächlich nur stumpfsinnig Wörter aneinander ohne irgendein Verständnis. Rein praktisch kann man argumentieren, dass das auch vollkommen egal ist, solange der erzeugte Text nützlich ist. Die Frage ist allerdings, ob man als Mensch entscheiden kann, ob dieser zusammengewürfelte Text nützlich ist, ob beispielsweise die Informationen darin korrekt sind.

Das Grundproblem an Searle's Argumentation für mich ist, dass dieses Wörter- und Grammatikbuch nicht existiert. Gerade in den 1980er Jahren hat man sehr auf logische Formalismen gesetzt und zu dem Zeitpunkt als Searle dieses Gedankenexperiment formuliert hat, hat man wohl noch daran geglaubt, dass man mit genügend großem Aufwand derartige Regelwerke erstellen könnte. Nur hat sich herausgestellt, dass dies nicht funktioniert. Der KI-Hype der 1980er Jahre ist im Sand verlaufen, weil trotz enormer Investitionen bei weitem nicht die erwarteten Resultate entstanden sind.

Aktuell werden statistische Methoden verwendet um Texte zusammen zu setzen. Im Grunde sind auch diese eine Art dickes Wörterbuch, extrahiert aus so ziemlich allen Texten, die im Internet existieren. Die Ergebnisse sind beeindruckender als in den 1980er Jahren, aber von menschlicher Intelligenzleistung sind sie immer noch weit entfernt.

Könnte es daran liegen, dass Bewusstsein eine notwendige Voraussetzung für Intelligenz ist? Oder ist Bewusstsein dieser intuitive, schwammige Teil der Intelligenz, den wir bisher nicht sinnvoll im Computer nachbilden konnten?

Bewusstsein als Nebenprodukt von Intelligenz?

Eine andere Sichtweise besteht darin, Bewusstsein als eine Art innere Wahrnehmung von anstrengenderen oder höheren Denkprozessen zu betrachten (z.B. in meinem Youtube-Video: Grübeln über Grübelei).

Unser Gehirn vergleicht im Grunde ständig Wahrnehmungen mit Erwartungen. Wir sehen, hören, riechen und schmecken Dinge, die meisten davon ohne uns dessen bewusst zu ein. Das Gehirn filtert vieles davon aus und das wichtigste Kriterium ist, ob diese Wahrnehmung zu unseren Erwartungen passt. Wenn ich an meinem Schreibtisch sitze, kann ich erwarten, dass ich die Bewegungen meiner Hände beim Tippen sehe. Mein Gehirn nimmt diese Wahrnehmung als ungefährlich hin und macht sie mir nicht bewusst (außer jetzt gerade, wo ich darüber schreibe …).

Wenn mein Gehirn aber eine Wahrnehmung erfährt, die nicht zu den Erwartungen passt, z.B. die Bewegung von einem Vogel, der durchs Fenster hereinfliegt, dann gehen die Alarmglocken los, dann wird reagiert und dann wird die Wahrnehmung bewusst. Könnte es also sein, dass Bewusstsein entsteht, wenn unsere Gehirn anstrengendere Verarbeitungsprozesse durchläuft? Ein bisschen wie in einem Unternehmen. Wenn alles normal läuft, wissen die Angestellten, was zu tun ist und die Geschäftsleitung bekommt nicht viel vom Tagesgeschäft mit. Aber wenn ein größeres Problem auftritt, wird das durch die Hierarchien nach oben propagiert und wird zur Chefsache.

Vielleicht gibt es auch kein klares bewusst und unbewusst, sondern eher eine Kontinuität. Kleine Probleme werden nur bis zur Teamleitung propagiert, größere Probleme bis ganz nach oben. Zum Beispiel wenn man an der Kreuzung steht zum Abbiegen und auf andere Autos achtet, nimmt man diese vielleicht halbbewusst wahr. Man sieht sie, man reagiert auf sie, ärgert sich vielleicht, dass sie so langsam fahren oder ungünstige Abstände halten. Sie sind also nicht ganz unter der Bewusstseinsgrenze, aber werden auch nicht als wichtiges oder erinnerungswürdiges Ereignis gespeichert. Wenn hingegen eine Hochzeitsgesellschaft hupend vorbeizieht, wird man sich daran vielleicht sogar später noch erinnern und jemandem davon erzählen.

Bewusstsein als Werkzeug für Intelligenz

Bei verschiedenen Aspekten der Intelligenz spielt interne Simulation eine Rolle, zum Beispiel beim Planen oder bei Gedächtnisprozessen. Wir können uns Situationen vorstellen, wie sie vielleicht in der Zukunft sein werden, wie wir sie vielleicht in der Vergangenheit erlebt haben oder auch Geschichten, von denen wir genau wissen, dass sie gar nicht passieren können.

Könnte es sein, dass unser Bewusstsein eine Art Bühne für derartige Simulationen ist? Ist unser Bewusstsein ein Reagenzglas, in dem wir mögliche Handlungen ausprobieren und optimieren, bevor wir sie auf die Welt loslassen? Ist Bewusstsein das Kino, in dem unsere Erinnerungen wieder abgespielt werden? Wenn es eine Bühne ist, kann diese Bühne auch mal leer sein? Gibt es so etwas wie ein leeres, reines Bewusstsein? Das ist tatsächlich eine Annahme, die beim Meditieren und in einigen wissenschaftlichen Ansätzen gemacht wird, wie wir im Folgenden sehen werden.

Bewusstsein erforschen

Man kann offensichtlich trefflich über das Wesen und die Rolle von Bewusstsein spekulieren. Aber kann man es auch wissenschaftlich erforschen?

Die Essenz von Bewusstsein

Metzinger [1] versucht das eben erwähnte reine Bewusstsein als minimales Modell für das alltägliche Bewusstsein zu erforschen. Das entspricht dem, was man in der Physik tun würde: das Phänomen, das man erforschen möchte, möglichst von allen anderen Phänomenen trennen. Um die Parameter der Schwerkraft genau zu bestimmen, arbeitet man im Vakuum, um Reibungskräfte zu entfernen und die reine Schwerkraft zu messen.

Bei einem Phänomen, das so tief mit unserem Denken verwoben ist, muss man eine ganze Menge Störfaktoren isolieren. Praktischerweise gibt es dafür schon jahrtausende alte Techniken in Form von Meditation. Meditation kann verschiedene Ziele haben, eines kann das Empfinden eines reinen Bewusstseinszustands sein. Ich stelle mir das vereinfacht so vor, dass man sämtliche Intelligenzfunktionen im Kopf ausschaltet (oder pausiert) bis nur noch das absolute Minimum an Menschsein übrig bleibt. Interessant ist, dass es so ein Minimum zu geben scheint. Zumindest beschreiben Menschen ihre Meditationserfahrungen so, dass sie das Gefühl haben, dasselbe erlebt zu haben.

Genau diese Berichte von Meditierenden sind die Grundlage für Metzinger. Während die Psychologie üblicherweise Durchschnittswerte aus einem Kollektiv misst, startet er mit individuellen Beschreibungen des subjektiven Empfindens. Natürlich ist auch da die Hoffnung, aus den individuellen Berichten allgemeinere Muster abzuleiten. Nur wird dies nicht durch platte Statistik erreicht, sondern durch eingehende Beschäftigung mit dem Material. Und daraus können sich spezifische wissenschaftliche Fragestellungen ergeben, die man beispielsweise mit Methoden der Neurowissenschaften untersuchen könnte. Zum Beispiel könnte man per Magnetresonanztomographie messen, welche Hirnareale aktiv sind, wenn jemand beim Meditieren nach eigener Aussage einen Zustand des reinen Bewusstseins erfährt (vermutlich wurden solche Studien auch bereits durchgeführt).

Bei derartigen Studien kann man in jedem Fall Zusammenhänge feststellen zwischen Hirnaktivität und Meditation. Aber was sagt uns das über das Bewusstsein? Wenn man beispielsweise herausfinden würde, dass bei einer solchen Meditation die Hirnaktivität bestimmten Zuständen während des Schlafes ähnelt, würde das bedeuten, dass wir beim Schlafen ebenfalls ein reines Bewusstsein empfinden? Oder könnten wir behaupten, dass sie Meditierenden zu viel wegmeditiert haben und gar kein Bewusstsein haben, wenn sie diese Empfindung eines puren Bewusstseins spüren? Egal was man misst, man wird immer in zirkuläre Definitionen rutschen.

Und ist die Reduktion auf ein minimales Bewusstsein überhaupt ein guter Startpunkt? Vielleicht erforscht man damit nicht den allgemeinen Kern, sondern einen Spezialfall. Das Erlebnis von purem, reinem Bewusstsein erleben nur Menschen, die sehr ausgiebig meditieren. Die meisten Menschen erleben diesen Zustand nie. Das bedeutet natürlich nicht, dass er nicht trotzdem vorhanden ist. Wenn ein Schreibtisch mit Dokumenten voll ist, ist der Schreibtisch trotzdem da, man sieht ihn nur nicht mehr. Es könnte aber auch sein, dass Meditierende ihren Schreibtisch liebevoll mit Schnitzereien verziert haben und diese beschreiben, wenn sie von ihrem aufgeräumten Schreibtisch sprechen. Oder sie haben ihn soweit abgeschliffen, dass er gar keine Tischplatte mehr hat und sie beschreiben nur die übrig gebliebenen Tischbeine.

Ich kann nur von meiner Erfahrung mit der Erforschung von Intelligenz ausgehen und dabei sehe ich, dass die einzelnen Phänomene nicht ohne das Ganze existieren. Was ist reine Wahrnehmung oder pure Sprache? Es werden leere Konzepte, an denen man sich mit wissenschaftlichen Methoden austoben und unendlich publizieren kann. Aber das eigentlich Spannende, die Intelligenz, die aus der Interaktion dieser Bausteine entsteht, hat man damit nicht eingefangen.

Die Mathematik des Bewusstseins

Ähnlich wie Metzinger versucht Integrated Information Theory (IIT) Bewusstsein mit wissenschaftlichen Methoden zu erfassen, also mit klaren Definitionen, Experimenten (typischerweise mit neurowissenschaftlichen Methoden) und mathematischen Modellen, um Vorhersagen zu machen. Also eigentlich wie in der Physik.

Ich bin keine Physikerin und die moderne Physik hat sicher nichts mit dem zu tun was ich in der Schule gelernt habe. Aber da stelle ich mir Wissenschaft in etwa so vor: Man hat eine Frage, z.B. Von welchen Parametern hängt es ab, ob ein Gegenstand schneller oder langsamer auf die Erde fällt?. Dann macht man Experimente mit Gegenständen verschiedener Größe, Form und Material, verwendet vielleicht eine Rampe um den Vorgang besser messen zu können als das Herunterfallen. Man macht das unter verschiedenen Bedingungen: bei Regenwetter, Sonnenschein, im Vakuum, im Wasser, usw. Und dann stellt man fest, dass eine Feder deshalb langsamer fällt als ein Stein, weil sie von der Luft gebremst wird. Alle anderen Parameter wie Gewicht oder Farbe sind unerheblich. Dieses Ergebnis kann ich im Alltag anwenden. Wenn ich möchte, dass eine Feder schneller fällt, muss ich entweder ein Vakuum herstellen, um die bremsende Luft los zu werden, oder ich kann die Feder zusammenknüllen oder in ein Gefäß stecken, um eher die Form eines Steins zu erhalten und damit die Reibung zu reduzieren.

Jetzt dasselbe mit IIT: In einem Grundlagenartikel nennen Albantakis et al. [2] folgende Forschungsfragen:

1) Why is experience present vs. absent? and 2) Why do specific experiences feel the way they do?
und beantworten sie in der Kurzzusammenfassung so:
1) Experience is present for any substrate that fulfills the essential properties of existence, and 2) specific experiences feel the way they do because of the specific cause-effect structure specified by their substrates.
Leider spezifiziert der Artikel properties of existence nicht weiter (ich gebe zu, ich habe ihn nicht vollständig gelesen). Er enthält axioms of existence. Jedes dieser Axiome ist jedoch über den Begriff experience selbst definiert und damit wird das ganze sehr zirkulär. Auch die zweite Antwort klingt für mich nach Bewusstsein fühlt sich so an, weil unser Gehirn arbeitet wie es arbeitet. Das mag nicht falsch sein, aber hilfreich ist es auch nicht.

Es ist hier nicht mein Anliegen ein Forschungsfeld zu kritisieren, von dem ich nur einen sehr oberflächlichen Eindruck habe. Mir fallen dabei nur viele Parallelen zur künstlichen Intelligenz auf. Bei dem Versuch Bewusstsein mathematisch zu modellieren, stützt sich IIT wie die KI auf Zustände und Zustandsübergänge. Ein Unterbereich der KI beschäftigt sich mit kognitiver Modellierung: dem Versuch einzelne kleine Phänomene exakt mathematisch nachzubauen. Nach meiner Erfahrung kann man so ziemlich jedes kognitive Phänomen mathematisch beschreiben, wenn man es nur weit genug aus seinem normalen Vorkommensbereich isoliert. Nichts davon konnte bisher auf komplexere Phänomene übertragen werden. Die Interaktion ist kein lästiges Detail von Intelligenz, sondern ein essentieller Bestandteil. Und ich vermute, dass es beim Thema Bewusstsein genauso ist.

Bewusstsein als emergentes Phänomen

Consciousness Explained ist der selbstbewusste Titel eines Buches von 1991 von dem Philosophen Daniel Dennett. Er vertritt genau die gegenteilige Ansicht von dem, was wir bisher gesehen haben. Entsprechend der Lehren des Behaviorismus – einer psychologischen Strömung aus der Mitte des 20. Jahrhunderts, die ihren Anteil geleistet hat, die Phsychologie zur Möchtegern-Physik zu machen – lehnt Dennett subjektive Beschreibungen als Erklärung von Bewusstsein ab. Er geht davon aus, dass zum Beispiel Berichte von Meditierenden eine Art Selbsttheorie sind, nicht jedoch eine Beobachtung der Vorgänge im Gehirn. So wie jeder Mensch zwar eine Leber hat, aber aus dieser Erfahrung heraus nicht erklären kann, wie sie funktioniert.

Die Bühne des Bewusstseins (Dennett nennt sie Karthesisches Theater), die den anderen Ansätzen zugrunde liegt, lehnt er ab. Anstatt eines zentralen Bewusstseinsortes entsteht für ihn Bewusstsein aus der Interaktion verschiedener Ereignisse im Gehirn. Als Analogie zieht er die Perzeption heran. Wir haben das Gefühl, jederzeit ein konsistentes Bild unserer Umgebung zu haben. Tatsächlich erfassen unsere Augen zu jedem Zeitpunkt nur einen winzigen Ausschnitt der Welt und irgend etwas im Gehirn macht daraus so etwas wie einen dauerhaften konsistenten Film, den wir als Wahrnehmung interpretieren. Genauso haben wir das Gefühl ein Bewusstsein zu haben, während im Gehirn verschiedene Prozesse parallel arbeiten, ohne eine zentrale Koordination.

Soweit ich weiß, nutzt Dennett das Wort emergent nicht. Seine Theorie passt aber gut zu der uralten Idee in der KI, dass man Intelligenz vielleicht gar nicht als Ganzes konstruieren kann, sondern dass sie sich irgendwann sie aus dem Zusammenspiel verschiedener Prozesse ergeben wird. Mir ist diese Ansicht durchaus sympathisch. Das Problem daran ist bisher nur, dass nicht klar ist, wie aus dummen Grundkomponenten auf einmal Intelligenz entsteht. Genaugenommen wissen wir, dass in unserem Hirn dumme Grundkomponenten existieren, nämlich Neuronen, und dass diese in komplexer Weise so interagieren, dass am Ende intelligentes Verhalten herauskommt. Aber solange wir diese Interaktionen nicht genauer verstehen, ist das ganze als Theorie eher nutzlos.

Eine andere Wissenschaft?

Auffällig bei allen Versuchen Bewusstsein (und Intelligenz) wissenschaftlich zu erklären, ist die Orientierung an der einzig wahren Wissenschaft, der Physik, die erstaunlicherweise natürliche Phänomene mit mathematischen Methoden sehr genau beschreiben kann. Sie gilt als der Standard, an dem sich alle anderen Wissenschaften messen müssen.

Wenn man sich aber einmal umsieht, stellt man fest, dass die Methoden der Physik in kaum einer anderen Wissenschaft gut funktionieren. In der Medizin ist das experimentelle Vorgehen nützlich, aber die Erkenntnisse sind nie exakte Beschreibungen oder Vorhersagen, sondern eine Menge von meist gut funktionierenden Handreichungen für Praktizierende in Heilberufen. Ist die Medizin deswegen schlecht? Nein, natürlich nicht. Und sie könnte vermutlich sogar noch besser sein, wenn man anerkennen würde, dass die Methoden der Physik nicht die einzigen sind. Alternative Heilmethoden verschiedener Kulturen und historischer Hintergründe erfreuen sich großer Beliebheit. Es mag nicht immer einfach zu beziffern sein, aber subjektives Wohlbefinden ist ganz klar ein wichtiges Ziel. Ob dieses durch Plazebo-Effekte erreicht wird oder durch psychische Phänomene, weil mal jemand eine Stunde genau zugehört hat und Leidensschilderungen ernst genommen hat, oder durch die Wirkung eines Medikaments oder durch eine wissenschaftlich erwiesene Behandlungsmethode, ist für die Betroffenen am Ende egal.

Varela et al. [3] beschreiben in ihrem Buch The Embodied Mind einen attraktiven Mittelweg zwischen harter Wissenschaft und subjektiver Wahrnehmung. Ich will gar nicht versuchen, ihre wunderbare Argumentation in zwei Sätzen zusammen zu fassen (ich empfehle unbedingt das Buch zu lesen). Mein persönliches Bild ist eine Art Ping-Pong-Spiel. Selbst wenn wir Phänomene beschreiben, die an sich konstant wirken, zum Beispiel einen Stein, können wir ihn eigentlich nur richtig verstehen, wenn wir ihn immer wieder von verschiedenen Blickwinkeln betrachteten, anfassen, fallen lassen und diese Eindrücke zusammenwirken lassen. Genauso kann Wissenschaft (nicht nur im Bereich der Kognition) durch eine Mischung von Methoden mit der Zeit ein konsistentes Bild eines Phänomens erschaffen, ohne jemeils komplett fertig damit zu sein.

Bewusstsein erfahren

Das Schöne ist, dass wir als Individuen nicht warten müssen bis sich die Wissenschaft auf eine Herangehensweise oder Erklärung geeinigt hat. Niemand hindert uns daran unsere jeweils eigene Theorie oder ein subjektives Verständnis von Bewusstsein (oder Intelligenz) zu entwickeln.

Einige der genannten wissenschaftlichen Ansätze beziehen sich auf Meditation, denn dazu gibt es bereits eine Menge Literatur aus der Buddhistischen Lehre. Spannenderweise entsprechen bestimmte Konzepte aus dem Buddhismus typischen Architekturkonzepten aus der Robotik bzw. künstlichen Intelligenz [4]. Buddha war kein Ingenieur und mir ist auch keine Literatur bekannt, dass Architekturkonzepte aus buddhistischen Lehren abgeleitet wurden. Man kann also davon ausgehen, dass beide Hierarchiekonzepte unabhängig voneinander enstanden sind und erstaunlich gut zusammenpassen.

Das bedeutet nicht unbedingt, dass sie eine wahre Theorie des Denkens darstellen, aber es zeigt, dass große Überschneidungen entstehen, wenn Menschen mit verschiedenen Motivationen, in verschiedenen Kulturen und unterschiedlichen Erfahrungen darüber nachdenken, wie Intelligenz oder Bewusstsein funktionieren. Man findet also zumindest einen Startpunkt, wenn man Selbstbeobachtung mit anderen diskutiert.

Als Weg zur Selbstbeobachtung bietet sich natürlich die Meditation an. Auch ohne tiefe Meditationspraxis kann man meditative Elemente ausprobieren. Zum Beispiel beinhaltet der Artikel von Frank Bergmann [4] kleine Übungen, die einen guten Einstieg bieten.

Auch im Alltag kann man ruhige Momente nutzen, um kurz inne zu halten und die Situation um sich herum und sich selbst zu beobachten. Zum Beispiel wenn man auf den Bus wartet oder an der Kasse ansteht: Wie geht es mir gerade? Bin ich genervt, weil alles so lange dauert? Warum nervt mich das? Was würde ich stattdessen jetzt lieber tun? Warum finde ich die Frisur von dem Typen vor mir scheußlich? Wieso habe ich sie überhaupt bemerkt?

Es lohnt sich auch, solche Selbstbeobachtungen mit anderen zu teilen. Es ist überraschend wie oft man Gleichgesinnte findet bei Dingen, die man für eine persönliche Macke gehalten hat, oder die Erfahrungen komplett auseinandergehen bei Phäneomenen, die man als absolut universell angenommen hat.

Wenn man es doch etwas wissenschaftlicher haben möchte, kann man auch Selbstversuche unternehmen. Zum Beispiel bietet das Buch Mind Hacks [5] eine Menge Anregungen um psychologische Phänomene an sich selbst auszuprobieren.

Was immer Bewusstsein sein mag, es ist in jedem Fall spannend und es gibt für uns alle noch viel zu entdecken.

Danksagung

Sowohl die Idee als auch ein großer Teil des Inhalts dieses Artikels basieren auf spannenden Diskussionen mit Frank Bergmann. Seine Einsichten aus der Meditationspraxis und seine umfangreichen Kenntnisse der Begrifflichkeiten und Literatur zum Thema Bewusstsein haben mir eine ganz neue Welt eröffnet. Mein Dank an dieser Stelle ist gleichzeitig eine Entschuldigung, dass nur ein kleiner Bruchteil unserer Diskussionen in diesem Artikel Platz gefunden haben. Aber Fortsetzungen sind ja immer möglich.

Blogreihe Faszination Intelligenz

Seit meiner Jugend interessiert mich das Gebiet der künstlichen Intelligenz. Deshalb habe ich zunächst eine Universitätslaufbahn eingeschlagen bis hin zur Juniorprofessur, musste jedoch frustriert feststellen, dass das System Wissenschaft im Allgemeinen und die Forschung in der künstlichen Intelligenz im Besonderen nicht auf Innovation ausgelegt ist, sondern eher auf Konformität. Dann kam noch der große KI-Hype, der viel Publicity aber wenig wissenschaftlichen Fortschritt bringt. Am Ende hatte ich von dem Thema nur noch die Nase voll. Doch mit etwas Abstand finde ich meine Faszination an den Thema wieder und möchte diese mit anderen teilen. Diese Blogreihe ist für alle, die einfach mal (wieder) staunen wollen wie spannend, vielseitig und manchmal nervtötend komplex das Phänomen Intelligenz ist und wie viel es noch zu entdecken gibt.

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